Inigo Gheyselinck im Interview: Figurativer Künstler spricht über die Verbindung von traditionellem Kunsthandwerk und 3D-Scans

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Die #WOODVETIA-Kampagne soll Schweizer Holz stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken und die Nachfrage steigern. Dafür stellte der figurative Künstler Inigo Gheyselinck in Kooperation mit der Schweizer Wald- und Holzbranche sowie Artec 3D extrem realistisch wirkende Holzfiguren von Schweizer Persönlichkeiten her.

Als Vorlage für die Körper der Prominenten wählte der Künstler Models mit ähnlichem Körperbau aus. Bei den Köpfen schlug er einen anderen Weg ein, indem er diese aus Ton nachmodellierte. Der 3D-Scan wurde mit Artec Eva durchgeführt, der nur eine Viertelstunde für einen Körper benötigte. Die Datensätze von Kopf und Körper wurden mithilfe der Autopilot-Funktion von Artec Studio 11 zusammengesetzt. Das fertige 3D-Modell wurde an eine CAD-kompatible CNC-Fräse übertragen, die damit innerhalb von drei Tagen vollautomatisch eine Holzfigur herstellte. Im Anschluss nahm Inigo Gheyselinck für den Feinschliff noch speziell im Gesicht feine Änderungen vor. Den gesamten Anwenderbericht lesen Sie hier.

Viele neugierige Stimmen äußerten sich zu der Kampagne, um mehr über die Beweggründe des Künstlers, an dem spektakulären Projekt teilzunehmen, zu erfahren. Im Interview spricht er über die Anreize für sein Mitwirken, innere Konflikte und die Rolle moderner Technologie.

Warum wollten Sie und Ihr Team an der Kampagne mitarbeiten?

Das Spannungsfeld zwischen traditionellem Kunsthandwerk und moderner Technologie ist mit genauso großen Möglichkeiten wie Konflikten gespickt. Den Produktionsprozess habe ich deswegen so gestaltet, dass nebst meinem Kunsthandwerk die technologischen Möglichkeiten vollständig ausgenutzt werden. Besonders waren es aber die inneren Konflikte, welche essenzielle Fragen zu meinem Selbstverständnis als akademisch geschulten Künstler aufgeworfen haben. Diesem Spannungsfeld wollte ich mich unbedingt aussetzen.

Was möchten Sie mit der Kampagne erreichen?

In erster Linie wollte ich ein für mich neues Terrain erkunden und dabei möglichst viel entdecken und erfahren. Auf diese Art und Weise, mit modernster Technologie, habe ich noch nie kreiert. Das ist Neuland und deswegen unheimlich spannend. Aus produktionstechnischer Sicht ist dieses Projekt natürlich eine große Herausforderung, die produktionstechnischen Implikationen haben von uns alles abverlangt.

Welche Art Holz haben Sie verwendet?

Wir haben für jede Skulptur eine andere Holzart genommen. Es ist Teil der #WOODVETIA-Kampagne des Bundesamtes für Umwelt, die Vielfalt des Schweizer Holzes zu zeigen. So wurde für jede Skulptur eine Holzart ausgewählt, die prägend für die Heimat der abgebildeten Persönlichkeit ist.

Aktion für mehr Schweizer Holz

Hatten Sie als Künstler das technische Know-how für dieses Projekt? Fühlten Sie sich von der Technik eingeengt oder lieferte sie Ihnen erweiterte Gestaltungsmöglichkeiten?

Erfahrungen in der Holzschnitzerei hatte ich keine. Das war aber auch nicht zwingend. Grundsätzlich arbeite ich mit Ton, weil es – im Gegensatz zum Holz – die Möglichkeit bietet, von der bestehenden Form abzutragen wie auch hinzuzufügen. Im künstlerischen und technologischen Entwicklungsprozess – Modellierung in Ton, Scan, 3D-Sculpting – konnte ich mich auf die Formgebung konzentrieren und blieb vom Material der finalen Umsetzung weitgehend unabhängig. Das hat mir im Vergleich zu einer traditionellen Herangehensweise, bei der direkt am Material, also Holz oder Marmor, gearbeitet wird, einen großen Spielraum gegeben. Das ist sicherlich auch der wichtigste Vorteil der genutzten Technologie: Die Kreation kann weitgehend frei von der Materie entstehen.

Glauben Sie, dass diese neue Technologie jahrhundertealte Kunst erhalten kann?

Traditionelle Kunst basiert zu einem entscheidenden Teil auf dem Kunsthandwerk. Das kann per se nicht durch Technologien ersetzt oder erhalten werden. In unserem Fall hat uns die Technologie erlaubt, Skulpturen zu erschaffen, die vor hundert Jahren ein Vielfaches an Zeit und Geschick der Beteiligten abverlangt hätten. Moderne Technologien eröffnen neue Dimensionen nicht nur in der Materialisierung, sondern auch im Kreationsprozess selber. Das ist eine Liga für sich, die mit der traditionellen Kunst nicht ohne Schwierigkeiten verglichen werden kann.

Woodvetia Projekt mit Kuenstler Inigo Gheyselinck am Freitag, 18. November 2016, in Wohlen. (KEYSTONE/Alexandra Wey)