Home Industrie Interview: 7 Fragen an Essentium Mitbegründer Lars Uffhausen

Interview: 7 Fragen an Essentium Mitbegründer Lars Uffhausen

Essentium ist ein 3D-Druck-Spezialist, der u.a. für seine innovative HSE-Technologie bekannt ist. Im Rahmen dieses Verfahrens können hohe Geschwindigkeiten beim Druck erreicht werden. 3Druck.com hat Lars Uffhausen, Chief Operating Officer, Chief Financial Officer und Co-founder von Essentium Inc. in einem E-Mail-Interview sieben Fragen gestellt.

1. Wie geht es Essentium und dem Team in der aktuellen COVID-19 Krise?

Lars Uffhausen: Wir sind ein Unternehmen von mittlerweile grundlegender Bedeutung in unserer Branche, basierend auf den Kunden, die wir heute bedienen. Somit halten wir unseren Betrieb auch in dieser Situation aufrecht. Wir hatten eigentlich geplant, erst im Laufe dieses Jahres ein Fertigungszentrum einzurichten. Wir haben jedoch gesehen, dass die globale Versorgungskette für PPE (Personal protective equipment) in Schwierigkeiten war, und wir wussten, dass wir helfen können. Also richteten wir das Zentrum in nur 10 Tagen ein und haben die Produktion von Gesichtsmasken aufgenommen.

Um das zu ermöglichen, mobilisierten wir unsere Ressourcen und unser beträchtliches geistiges Eigentum in den Bereichen Materialien und additive Fertigungsproduktion, um das Maskenkit zu entwerfen, das aus einem wiederverwendbaren 3D-gedruckten Maskenrahmen und Filtermedien besteht. Es wird mit Essentium TPU74D (thermoplastisches Urethan) hergestellt, das eine einfache Reinigung ermöglicht. Die Essentium-Maske wurde für den allgemeinen nicht-medizinischen Gebrauch während der COVID-19-Epidemie auf der Grundlage der FDA-Notfallgenehmigung entwickelt.

Die Produktionskapazität beträgt derzeit 5.000 Einheiten pro Woche. Wir haben das Design der Maske auch über das Open-Source-Modell des National Institute of Health (NIH) frei verfügbar gemacht. Die Initiative wird von unserem eigens dafür ins Leben gerufene COVID-19 Response Strategy Team geleitet.

2. Essentium hat schon vor der Krise regelmäßig auf die Vorteile einer Produktion Vorort und das Potenzial der additiven Fertigung hingewiesen, sehen Sie sich aktuell in dieser Forderung bestätigt?

Die Situation hat die Rolle, welche die additive Fertigung bei der Unterstützung industrieller Lieferketten spielen wird auf jeden Fall gestärkt. Aktuell wird diese noch durch traditionelle Fertigung und Importe beeinflusst. Viele Hersteller arbeiten derzeit noch mit Hochdruck daran, neue Lieferanten auf der ganzen Welt zu finden, die die von ihnen benötigten Teile zum niedrigsten Preis produzieren.

Mit der additiven Fertigung ergeben sich jedoch neue Möglichkeiten für viele Arten von Komponenten, bei denen die Hersteller diese Teile nicht mehr von weit entfernten Lieferanten beziehen müssen. Stattdessen müssen sie lediglich die Verfügbarkeit des Materials klären und können dann mit der Herstellung dieser Teile im eigenen Haus beginnen. Das wird nicht nur Zeit und die Kosten senken, was früher für den Kauf und den Transport der Teile benötigt wurde, sondern auch die Markteinführung erheblich beschleunigen, was in der heutigen Zeit immer entscheidender wird.

3. Denken Sie, dass die aktuelle Krise diesbezüglich zu einem Umdenken in Politik und Wirtschaft führen wird?

Die Pandemie wirft ein Licht auf viele der Herausforderungen bei der klassischen Just-in-Time-Fertigung. Sie wirft auch ein Licht auf die Herausforderung, die sich aus der Distanz zwischen Produktion und Nutzung ergibt. Die meisten produzierenden Nationen der Welt befinden sich in Asien. Allein schon diese geografische Entfernung nimmt der Lieferkette die Möglichkeit, flexibel zu agieren.

Es gibt eine große Komponente der Anpassungsfähigkeit, die ein integraler Bestandteil des Just-in-Time-Modells ist, aber wenn die Distribution und eine große physische Entfernung fester Teil der Lieferkette sind, wird es für dieses Modell ziemlich schwierig zu funktionieren. Hier spielt die additive Fertigung eine wichtige Rolle. Durch die Installation von sehr flexiblen Anlagen können die Hersteller beginnen, den Risiken in der Lieferkette zu begegnen, indem sie Teile vor Ort produzieren oder indem sie Vorrichtungen und Werkzeuge drucken, um die Fabriken ohne lange Vorlaufzeiten in dem gewohnten Umfang zu betreiben.

4. Welche Rolle wird Ihrer Meinung nach künftig die additive Fertigung für die regionale Sicherung von kritischer Infrastruktur auch abseits der medizinischen Anwendungen spielen?

Es ist damit zu rechnen, dass sich die Art und Weise, wie die Produktion funktioniert, nachhaltig verändern wird. Viele Unternehmen haben erkannt, dass sie Teile selbst herstellen können, ohne sich auf globale Lieferanten verlassen zu müssen. Sie werden in einer besseren Position sein, um Produkte mit Schnelligkeit, Umfang und vor allem Flexibilität auf den Markt zu bringen. Da der 3D-Druck die Hürden für die Massenproduktion überwindet, wird er den Unternehmen helfen, Marktanteile zu gewinnen, die Fertigung näher an die Kunden zu bringen, mehr Aufträge zu gewinnen, die Kundenzufriedenheit zu erhöhen und erhebliche TCO- und wirtschaftliche Vorteile zu erzielen.

5. Welche Rolle spielt dabei eine digitale Lagerhaltung?

Anstatt ein Lager voller Teile zu füllen, die möglicherweise veraltet sein könnten, verdichtet additive Fertigung den physischen Raum in digitale Dateien, die in der Cloud gespeichert werden können und auf die bei Bedarf leicht zugegriffen werden kann. Dieser Ansatz der verteilten Fertigung ermöglicht es Unternehmen, die Produktion zu dezentralisieren, um das Endprodukt näher am Kunden herzustellen, und gleichzeitig digitale Lagerhaltungslösungen zu nutzen.

Heutzutage machen viele Einkaufsteams Überstunden, um mehrere Lieferanten auf der ganzen Welt zu prüfen und die benötigten Teile zum niedrigsten verfügbaren Preis zu beschaffen. Aber mit der additiven Fertigung müssen Sie diese Teile nicht mehr von vielen verschiedenen Lieferanten beziehen. Stattdessen können Sie einfach nach der Verfügbarkeit von Materialien suchen und dann damit beginnen, diese Teile im eigenen Haus oder mit Hilfe der digitalen Lagerhaltung herzustellen. Dadurch reduzieren Sie nicht nur den Zeit- und Kostenaufwand für den Kauf und Transport der Teile, sondern verkürzen auch die Markteinführungszeit erheblich.

Diese Art einer in sich geschlossenen digitalen Lagerhaltungs-Lieferkette wird sich in der heutigen zunehmend unsicheren Welt als kritischer Erfolgsfaktor erweisen. Wenn Sie kritische Teile selbst produzieren können, ohne sich auf globale Lieferanten verlassen zu müssen, werden Sie in einer stärkeren Position sein, um Ihre Produkte auf den Markt zu bringen und jeden Sturm zu überstehen – egal, ob es sich um eine Krankheit, eine Naturkatastrophe oder politische Turbulenzen handelt.

Bei digitalen Inventarisierungslösungen steht das Lager selbst digital für die On-Demand-Produktion in der Nähe der Bedarfsquelle zur Verfügung. Vom Hersteller sicher verschickte digitale Dateien gewährleisten OEM-genaue Designs, auch in Einrichtungen des ursprünglichen Lieferanten auf der ganzen Welt.

Der weltweite Versand digitaler Dateien spart Zeit und Geld, bringt aber auch Bedenken aus der Perspektive des geistigen Eigentums mit sich. Die digitale Speicherung von geistigem Eigentum, insbesondere für geschäftskritische Branchen wie die Verteidigung oder die Luft- und Raumfahrt, die beide großes Interesse an der Einführung der additiven Fertigung gezeigt haben, wird immer noch als Herausforderung angesehen.

6. Welche Vorteile hat es, wenn dabei Materialien und Prozesse aus einer Hand kommen und wie wichtig ist es, dass die Maschinen materialoffen sind?

Wir sind der vollen Überzeugung, dass sich offene additive Ökosysteme durchsetzen werden. Das war schon immer unsere Vision und unsere Strategie. Die Ausweitung eines offenen additiven Ökosystems bedeutet, dass die Kunden endlich die Hände am Steuer ihrer eigenen Zukunft haben und in der Lage sind, ihre eigenen Innovationen freizusetzen.

Ein offener Markt, der sich auf die Entwicklung neuer Materialien, wie die kürzlich eingeführten Hochtemperaturmaterialien von Essentium, und besserer und schnellerer Maschinen konzentriert, ist die einzige Möglichkeit für die Hersteller, neue Anwendungen und neue Geschäftsmöglichkeiten zu schaffen. Mit diesem Ansatz gehört die Zukunft dem Kunden, nicht dem OEM.

7. Welche Herausforderungen sehen sie in diesem Zusammenhang?

Bis jetzt wurde der industrielle AF-Markt von geschlossenen Systemen dominiert, bei denen die Kunden an die Hardware, Prozesse und Materialien der Anbieter gebunden sind. Da die technologischen Hindernisse in Bezug auf Wirtschaftlichkeit, Umfang, Stärke und Produktionsgeschwindigkeit wegfallen, nimmt die Additive Fertigung rasch zu.

Die Hersteller gehen nun in sich und bewerten ihre Beziehungen zu AF-Anbietern neu. Die meisten werden sich nicht für eine Herstellerbindung entscheiden. Stattdessen fordern sie offene Ökosysteme, um die Systeminflexibilität zu überwinden und die Materialien ihrer Wahl zu verwenden.

Abonnieren Sie die wöchentlichen 3Druck.com-Newsletter. Jeden Montag versenden wir die wichtigsten Beiträge und Updates der Woche. Melden Sie sich jetzt kostenlos an.
Haben Sie einen Fehler entdeckt? Oder Anregungen und Ergänzungen? Bitte schicken Sie uns eine Nachricht.