„Bei der Kunststoff­verarbeitung muss man auf sein Karma achten“

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Als Geschäftsführer der VISIOTECH GmbH setzt Mike Fischer-Arens auf ökologische Forschungsprojekte, Wohlfühlatmosphäre im Betrieb und ein Team mit den Herzen am rechten Fleck.

Er gründete sein Unternehmen an dem Tag, als die Lehman Brothers Pleite gingen und alle Branchen in Weltuntergangsstimmung waren. Seither ist er sowohl ein Visionär als auch ein knallharter Realist. Mit seinem Betrieb erschafft Mike Fischer-Arens nicht nur Prototypen für verschiedene Branchen. Ob Kunststoffverarbeitung oder Engineering, ob 3D-Scan oder 3D-Druck, ob 3D-Fräsen oder Vakuumguss: Die VISIOTECH GmbH in Gerlingen hat sich auf Metall- und Kunststoffverarbeitung spezialisiert. Dem Chef ist es auch gelungen, sein eigenes Original zu kreieren. Es besteht aus liebenswürdigen Menschen, die mit Wissen, Leidenschaft und Ausdauer ausgestattet sind, um für die Kunden immer wieder innovative Original zu erschaffen.

 

Jetzt bloß nicht niesen! Vor mir steht ein weißer Quader, der irgendwas in sich zu verstecken scheint. Vorsichtig berühre ich das Objekt an der Seite mit den Fingerspitzen. Das Pulver rieselt wie magischer Schnee herab. Die Produkte werden im Pulverbett gedruckt, das habe ich schon mal verstanden. Bei 180 Grad Celsius gebacken. Wenn sie aus der Maschine kommen, müssen sie Langsam abkühlen – damit ein Verzug vermieden wird. Wenn die Teile aus der pulverigen Masse herausgegraben werden, fühle es sich ähnlich an wie als Archäologe, erklärt mir die freundliche Mitarbeiterin. Gerade führt sie mich durch die Produktionshallen der VISIOTECH GmbH in Gerlingen.

An der Wand im Büro lächelt eine unbekleidete junge Dame vom begehrten Würth-Kalender. Auf dem Schreibtisch liegen Butterbrote in einer Frühstücksdose direkt neben Kalibrierplatten. Zwischen den rot-schwarzen Maschinen ist es warm und stickig. Die technischen Kolosse wirken wie futuristische Backöfen: Hinter den schummrig gelb leuchtenden Glasfenstern zieht der Laser seine Bahnen. Riesige Edelstahlkessel dienen zur Pulveraufbereitung und erinnern eher an eine moderne Schnapsbrennerei. Ganz oben wechselt eine Ampelanlage in eine der nächsten Regenbogenfarben. An der Sinterstation hält der Bildschirm Unmengen an Zahlen und Formeln bereit: Left Feed, Part Heater, Roller Position.

 

Nebenan ist das Reich der blauen Strahlkabinen. Hier wachsen riesige Schläuche wie silbrig glänzende Raupen aus den Maschinen. Ein Mitarbeiter macht sich gerade daran, mit feinsten Quarzpartikeln die letzten Pulverreste an einigen Bauteilen zu entfernen. „Ich hoffe, meine Mitarbeiterin hat noch nicht alle Firmengeheimnisse verraten – sie plaudert gerne“, höre ich plötzlich eine Stimme hinter mir. Der Chef ist da – und er ist zu Scherzen aufgelegt. Mike Fischer-Arens, der Geschäftsführer der VISIOTECH GmbH, ist ein angenehmer Zeitgenosse. Das ist sofort zu spüren. Leger, auf Anhieb sympathisch, trägt ein weiß-blaues Karohemd, die Ärmel sind lässig hochgeschoben. Wir flanieren durch die Firma, als gäbe es keinen Terminkalender, keine Verpflichtungen, kein Umsatz-Soll. Unaufgeregt, entspannt, locker und dabei stets professionell.

Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich Mike Fischer-Arens mit modernen Herstellungsverfahren. Als sein bester Freund sich selbständig machte, stieg er kurzerhand als Vertriebsleiter mit ein – und lernte dort bei dem Dienstleister die ersten Lasersinter-Anlagen in Deutschland kennen. Der eigene Betrieb VISIOTECH stellt heute mit dem als Selektives Lasersintern (SLS) bezeichneten Verfahren mitunter komplexe Prototypen her. Ob Metall oder Kunststoff: Zum Portfolio gehören 3D Druck, Rapid Prototyping, Additive Manufacturing und 3D Scannen. Das Unternehmen kümmert sich darüber hinaus um die Nach- und Weiterverarbeitung sowie den Vertrieb. Mit schichtweise arbeitenden, innovativen Fertigungsverfahren schafft es VISIOTECH, Bauteile schnell und werkzeuglos zu entwickeln und dabei funktionsgerechtes Design zu garantieren.

Kurzer Stopp in der Eingangshalle. „Das ist der einzige Hund, den ich mag – mit dem muss ich nicht Gassi gehen“, sagt Fischer-Arens und zeigt auf den Basset Hound, der unbeweglich unter einem kleinen Tisch sitzt. Ein Prototyp – genau wie die Gebilde daneben, die an Bestandteile aus einem Raumschiff erinnern, an Requisiten aus dem neuesten Alien-Film. „Unser Konstrukteur ist etwas Star Wars affin.“ Die Leichtbauweise mit bionischen Strukturen ist beliebt, in der Automobil- und Luftfahrtindustrie, in der Medizin genau wie im Sondermaschinenbau, bei Herstellern und Zulieferern. So leicht und so beweglich wie möglich – nach dieser Devise entstehen viele Prototypen.

 

Auf die Frage, was es mit dem schwarz glänzenden Motorrad auf sich hat, freut sich der Geschäftsführer schon: „Wir sind alle leidenschaftliche Motorradfahrer.“ Ob das in dieser Firma wohl ein Einstellungskriterium ist? „Für unseren letzten Messeauftritt haben wir diese Kiste komplett umgebaut.“ Die alte BMW R100 wurde mit selbst hergestellten Lasersinterteilen verändert. Kotflügel und Sitzbank, Höcker und Kennzeichenhalter sind Sinterteile. Per 3D Scanner wurde die Geometrie aufgenommen. Ohne die bekannte erhabene Silhouette der Maschine zu beeinträchtigen, wurden die Details bearbeitet. „Sogar die Faltenbälge und das Logo am Tank kommen aus dem 3D Drucker – zu den Spritzgussteilen ist kein Unterschied zu erkennen. Auch die Wiederherstellung von Ersatzteilen von Oldtimern ist eine beliebte Aufgabe für das Team.“

Dass Fischer-Arens so leidenschaftlich und begeistert über das Motorrad spricht, kommt nicht von ungefähr: Den Grundstein für seine berufliche Laufbahn setzte eine Lehre als KFZ-Mechaniker für Zweirad. Doch dabei blieb es nicht: Im Haus der Konfektion in Sindelfingen, damals noch der Familienbetrieb, musste der Junior eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann absolvieren. „Über Generationen hinweg kommt meine Familie aus der Textilbranche, doch das war nicht mein Metier.“ Also war er einige Jahre als Messe– und Bühnenbauer unterwegs, doch als er erstmals Vater wurde, musste er die Reisetätigkeit aufgeben und sesshaft werden. Es folgte die dritte Lehre – als Versicherungskaufmann.

 

„Mein Vater sah in mir immer einen Pastor. Er war ein spiritueller Typ, je älter er wurde. Er schleppt mich zur Astrologin und zur Irisanalyse. Das sollte Voraussagen auch über meine berufliche Zukunft offenbaren.“ Und obwohl die jugendliche Entwicklung alles andere als fromm und altruistisch war, resümiert Mike Fischer-Arens dann: „Ja das hätte schon gepasst. Vermutlich hat mein Vater schon früh erkannt, dass ich Menschen mit meiner Überzeugung anstecken kann und sie dazu bringe, für etwas zu brennen. Doch auch ohne Priesterschaft habe ich heute meine Schäfchen.“ Tatsächlich ist der Unternehmer anders als andere: „Ich habe ein großes Herz und berühre damit sofort alle – so beschreiben es meine Freunde. Ich trage mein Herz auf der Zunge. Bei mir gibt es nur die Wahrheit, keine Intrigen – keine Manipulation, keine Wertung. Alles und jeder bedeutet mir gleich viel.“

Mit offener Kommunikation und viel Einfühlungsvermögen schafft Fischer-Arens eine Wohlfühlatmosphäre, in der jeder angespornt ist, ehrlich und authentisch zu handeln und das Beste aus sich herauszuholen. Als Führungskraft setzt er dabei auf große Nähe und eine gute Einstellung: „Wir leben heutzutage doch in zwei parallelen Welten: Die einen machen alles für ihren Aktienkurs und die Bilanzen, die anderen machen das Geschäft in einem guten Miteinander. Meine Priorität ist es nicht, Überschuss für den Chef zu erwirtschaften, sondern so zu arbeiten, dass es den Mitarbeitern gut geht.“ Im Arbeitsalltag ist er sich daher auch nie zu schade, mit anzupacken und mitzuhelfen, mal die Objekte abzustrahlen oder die Halle zu putzen. „Ausgewogene Führung heißt für mich, jedem nahe zu sein und ein Gespür zu haben, wenn jemand mal schlecht drauf oder müde ist – und darauf gut einzugehen. Ich witzele viel und öffne so mein Gegenüber.“

 

Ohnehin steht die Mannschaft im Mittelpunkt. Offene Büros, gemeinsame Events und einmal im Monat kommt die Masseurin und knetet alle durch. Der Antrieb in der Firma ist das freundschaftliche und respektvolle Miteinander. Vertrauensvolles Teamwork ist nicht auf die geschäftliche Ebene reduziert, sondern wird absichtlich mit dem Privaten vermischt. Diese gute Stimmung spricht sich rum, das steigert den Wert der Arbeitgebermarke. Weg von Konventionen und hin zu mehr Verbundenheit – nach diesem Motto agiert der Unternehmer. Flache Hierarchien sind für ihn wichtig, er selbst hält in seinem mittelständischen Unternehmen die Prozesse am Laufen und den Überblick über die Verantwortlichkeiten. So kann Kreativität und Raum geschaffen werden. Alle arbeiten zusammen und tauschen sich aus. Jeder Beitrag zählt und es gibt nichts, wofür man sich zu schade ist. „VISIOTECH besteht aus einem vielfältigen Team, jeder hat andere Charakterzüge und wir ergänzen uns. Manchmal kommt es mir sogar so vor, als hätte sich das Team selbst zusammengestellt.“

 

Dabei startete Mike Fischer-Arens mit seiner Selbständigkeit, als gerade heikle Zeiten anbrachen, als alle Branchen auf die Stopp-Taste drückten: Am Tag der Lehman-Pleite wurde VISIOTECH aus der Taufe gehoben. „Wir wurden noch Existenzgründer genannt und von den Banken ignoriert. Wir hechelten uns von Monat zu Monat, jeder Cent wurde zweimal umgedreht. Der Knoten löste sich erst eineinhalb Jahre später.“ Auf die Frage, ob er damals so manche schlaflose Nacht hatte, antwortet er mit einem deutlichen „Oh ja! Ich bin krisengeschädigt und kann Erfolg nicht wirklich genießen. Ich bin extrem skeptisch geworden. Man weiß nie, welche Faktoren einen Prozess unvorhersehbar beeinflussen.“ Der Unternehmer will vor allem Sicherheit für seine Mannschaft erreichen, daher wächst VISIOTECH bewusst langsam, besteht zu 100 Prozent aus Eigenfinanzierung, der Geschäftsführer macht keine Schulden, wägt den richtigen Zeitpunkt ab für Entscheidungen und Erweiterungen. „Wir haben lange vor der Entrepreneur-Szene begonnen und uns bis heute den Spirit aufrechterhalten – nämlich die Dinge anders, neu, innovativ zu machen.“

Ob Stoßfänger oder Luftführung: Auf dem Boden rund um den Besprechungstisch liegen Silikonformen für Vakuumgüsse. So werden die Urmodelle hergestellt, die möglichst nah an die Materialvorgaben herankommen sollen. Aus der Vitrine starrt mich ein Albino-Affe an. Kubistische und geometrische Formen, eine Kugel mit feinen Löchern und allerlei Gebilde haben hier als Anschauungsobjekte ihren Platz gefunden. Ein sprichwörtlicher Arsch mit Ohren ist auch dabei – eine Trophäe, die eine Zeit lang den Mitarbeitern monatlich verliehen wurde, im Gegenzug zum Indianer für gute Leistung. Stolz hebt Fischer-Arens einen Pokal des Landessportverbands heraus – so ein Stück wurde sogar schon von Gerhard Mayer-Vorfelder entgegen genommen. „Innerlich mache ich Freudensprünge, wenn eine neue Beinprothese unser Haus verlässt und wir damit einem Menschen die Möglichkeit geben, wieder Beweglichkeit und somit Freiheit zu erlangen. Die Branche ist so vielschichtig, genau das treibt mich an“, sagt der Unternehmer und gibt mir die elfenbeinfarbene Fußprothese in die Hand.

 

Die Umsetzung in konstanter Qualität macht die Produktion so einzigartig. Nur wer jahrelange Erfahrung hat, kann die Maschinen passgenau einstellen und dabei Parameter wie Luftfeuchtigkeit berücksichtigen. Bei der werkzeuglosen Fertigung geht es oft um ein Zehntel Millimeter an Toleranzen. Am Rechner werden die Teile virtuell gepackt, um bauraumoptimiert zu fertigen. Durch Zusätze wie Glas, Aluminium oder Kohlefaser lassen sich die Materialeigenschaften verändern. Zum Beispiel für die Luftansaugstutzen aus Alumide, die das Rennteam an der Uni Stuttgart benötigt. VISIOTECH beteiligt sich als Platin-Sponsoring-Partner an den Projekten. „Eine echte Win-Win-Situation: Wir stellen Geräte zur Verfügung und produzieren Teile, dabei lernt man gute junge Leute kennen, die später gerne im Betrieb arbeiten wollen.“ Und noch ein spannendes Projekt verfolgt Fischer-Arens derzeit, gemeinsam mit dem Institut für Kunststofftechnik (IKT) wird an einem Verfahren zum Altpulverrecycling geforscht. „Bei der Kunststoffverarbeitung muss man auf sein Karma achten. Also verfolge ich ökologischer Gedanken, um eines Tages eine nachhaltige Produktion zu ermöglichen.“ Seit zehn Jahren hat er Tonnen an feinsten Kunststoffpartikeln als Müll generiert, die in seinem Außenlager aufbewahrt auf eine sinnvolle Verwertung warten.

Der Erfolg ist Fischer-Arens nicht in den Schoß gefallen, er hat ihn jahrelang vorbereitet. „Daher sind im Unternehmertum zwei Dinge wichtig: Demut und Menschlichkeit. Mit dem Erfolg kommt schnell eine Hochmutphase. Genau dann ist es wichtig, nicht im Überschwung an anderen vorbei zu leben. Man darf nie vergessen, woher man kommt und wie schnell alles vorbei sein kann.“ Sich ausschließlich auf finanziellen Erfolg zu fokussieren, ist seiner Meinung nach die falsche Herangehensweise. Wer verbissen auf nur die eigenen Vorteile schaut, verhindere eine positive Unternehmenskultur. „Diese kann nur dann entstehen, wenn man Verschiedenheit lebt und ein gemeinsames übergeordnetes Ziel hat. Also kreieren wir gemeinsam perfekte Designmodelle, machen unsere Kunden glücklich und sind als Team erfolgreich.“ Von der Vision zur Realisierung, vom Status Quo zur Evolution, vom Gefühl zur Materie, vom Urmodell zum Designteil, von der komplexen Prototypen- und Baugruppen-Anforderungen zur Einzel- und Serienproduktion: „Das ist unsere Bestimmung. In unserem Unternehmen gibt es wahrlich magische Momente für Pioniere, Querdenker und Träumer.“

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